„California Über Alles“

30. April 2013

Erstes Farbfoto der ganzen Erde, aufgenommen vom Satelliten ATS-3 am 10.11.1967

Erstes Farbfoto der ganzen Erde, aufgenommen vom Satelliten ATS-3 am 10.11.1967

Die “Whole-Earth-Ausstellung” im Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Mit ihrem provokanten Song „California über Alles“ aus dem Jahr 1978 schmähte die Punkband „Dead Kennedys“ einst Gouverneur Jerry Brown. Der demokratische Politiker verkörperte für die ruppigen Musiker das fragwürdige Versprechen einer konfliktlosen heilen Welt mit Hippie-Touch. Inzwischen hat die kalifornische Mischung aus ganzheitlichem Denken, ökologischer Lebensweise und Liebe zum Cyberspace die Welt erobert. Warum, das untersucht das Haus der Kulturen der Welt in seiner Ausstellung „The Whole Earth. Kalifornien und das Verschwinden des Außen.“ Ihre herausfordernde These lautet: Die Utopie der Blumenkinder wurde durch die Macht eines einzigen Bildes wie in einem Brennglas gebündelt, gestreut, aber auch gebrochen.

Angefangen hat alles mit einem Satellitenfoto, das bis heute eines der mächtigsten Symbole weltweit ist: „the blue marble“ – der blaue Planet. So nennt man liebevoll die Weltraumfotografie der Erdkugel, deren sanft-blaues Leuchten Schönheit und Schutzbedürftigkeit suggeriert. 1968, im Jahr der ersten bemannten Mondumrundung bekam die Menschheit auch zum ersten Mal die ganze Erde „The Whole Earth“ zu Gesicht. Von außen gesehen vermittelte die Aufnahme einen nie zuvor gesehenen „Zustand planetarischer Einheit“, wie HKW-Kurator Anselm Franke sagt.

Die eine Welt im kalten Krieg

Diese Erfahrung der Einheit inmitten des kalten Krieges war es, die Stewart Brand mit seinem „Whole Earth Catalogue“ heraufbeschwor. Das Druckwerk erschien von 1968 bis etwa 1972 und war als „Toolbox“ angelegt, als Werkzeugkasten mit praktischen Anleitungen für das alternative Leben. Lektüreempfehlungen, Materialbeschaffungsvorschläge und pfiffige Tipps machten den Katalog zur Bibel einer ganzen Generation.

Er deckte alle Themen ab, die ein neues planetarisches Bewusstsein förderten, von erneuerbaren Energien über Fahrradreparaturen und Kybernetik bis zur Wirkung von Psychodelia. Auch der erste Synthesizer und der erste Personal Computer waren darin aufgeführt. Zusammengehalten wurde die Rezeptsammlung durch den visuellen Fluchtpunkt auf dem Katalog-Cover: Der Anblick der Erde von außen sollte ein neues Selbstverständnis von Gemeinschaft und Verantwortung erzeugen. Ziel war die Rettung des Planeten.

Die begrenzte Welt im Anthropozän

Die Ausstellung im HKW will jedoch keine Historie der Hippie-Bewegung schreiben. Vielmehr ist sie Teil des auf zwei Jahre angelegten Anthropozän-Projekts. Die Theorie vom Menschenzeitalter besagt, dass der intensive menschliche Eingriff in die Natur inzwischen die Zusammensetzung der Erdoberfläche verändert hat. Damit ist der überlieferte Gegensatz von Mensch und Natur hinfällig. Den enormen politischen und kulturellen Implikationen einer solch weitreichenden Behauptung widmet sich das HWK seit Januar 2013 mit künstlerisch-wissenschaftlichen Mitteln.

Nichts Neues mehr zu erobern?

„The Whole Earth“ unternimmt deshalb eine Art kultureller Archivbohrung. Was bedeutet es sich als „Teil eines geschlossenen Systems“ zu erfahren,  fragt Diedrich Diederichsen, Co-Kurator und Popkritiker. Die Weltkugel als Objekt, über das man sich ein Bild machen kann, lässt sich nämlich nicht nur bewundern oder retten. Sie wird auch plan- und steuerbar. Außerdem hält sie eine beunruhigende mediale Aussage parat. „Da draußen“ gibt es nichts fundamental Neues mehr zu erobern. Wohin also mit der Menschheitssehnsucht nach Expansion? Und wohin lenken wir das Raumschiff Erde? Wer führt das Steuer? Inwieweit ist Kalifornien ein zentraler Fluchtpunkt?

Es sind große Fragen, die hier mit hohem intellektuellem Anspruch anklingen. Weil sich die Ausstellungsmacher nicht zu verkürzten Antworten hinreißen lassen, erhält die Phantasie im HKW freien Raum. Ein informativer, anschaulicher und inspirierender Mix aus dokumentarischen und künstlerischen Arbeiten lädt zum Lesen, Schauen und nicht zuletzt Hören ein – mit Musikbeispielen von Jefferson Airplane bis David Bowie. Gegliedert in sieben Themenkomplexe erschließen sich Einflüsse, Zusammenhänge und Konsequenzen der kalifornischen Ideologie.

Von LSD zum Ich-Unternehmer

Den Einstieg in der Mitte des Ausstellungsraums macht der Begriff “Universalismus“- mit der globalen Ikone des blauen Planeten. Direkt daneben stößt man auf die „Mauer des Pazifik“, eindrucksvoll ins Bild gesetzt durch eine Arbeit von Eleanor Antin. Dort, wo es nicht mehr weitergeht, entsteht die Sehnsucht nach einer „uferlosen Innenwelt“ befeuert durch LSD und Esoterik. Daraus hat sich inzwischen das „Selbst mit beschränkter Haftung“ entwickelt, der Ich-Unternehmer und die kreative Klasse.

In der Abteilung „System und Holismus“ begegnen wir der weltweiten ersten virtuellen Netzgemeinschaft‚ ‚The WELL‘, ebenfalls begründet von Stewart Brand. In direkter Nachbarschaft finden sich die Geokybernetiker mit ihren ökologischen Steuerungsimperativen. Computermodelle der Welt versprechen Rettung durch globalen Zugriff. Wendet man den Blick, steht man schließlich dem Schreckensbild des 20. Jahrhunderts gegenüber: dem Damoklesschwert der „Apokalypse“, verkörpert im Atompilz. Die Möglichkeit der vollständigen Zerstörung schwingt im Blick aus dem Weltall auf die Erde immer mit.

Zwischen Raumfahrt und Verschwinden

Im HKW werden Bilder gezeigt, die immer wieder kippen. Das kalifornische 68-er Erbe erscheint als Hinterlassenschaft mit stark schwankendem Boden. Der Satellitenblick auf unsere Lebenswelt ist so schön wie unmenschlich. Er verkörpert das großtechnische System der Raumfahrt. In dieser Perspektive verschwindet der einzelne Mensch; er ist ihr nicht gewachsen.

Aber auch auf der überindividuellen Handlungsebene globaler Politikprozesse wie der UNO oder dem UNFCCC gelingt es kaum weltweit verbindlich zu handeln.  So bleibt eine Kluft zwischen den global gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem menschlichen Vermögen darauf zu reagieren. Diese Hilflosigkeit belegt das die Ausstellung begleitende „Anthropozän-Observatorium“ mit einer Flut von Video- und Tondokumenten.

Dennoch verlässt man das HKW gut gelaunt und bereichert. Komplexität wird hier in einer Vieldeutigkeit erfahrbar, die nicht ins Zwiespältige oder Kopflastige abgleitet. Wer sich die nötige Zeit nimmt, begegnet interessanten Anregungen zum besseren Verständnis unserer kulturellen und politischen Umwelt. Und man entdeckt, wie sehr die kalifornische Ideologie in unseren Alltag eingewoben ist.

Die Ausstellung läuft vom 26.4.2013 bis zum 1.7.2013, immer von Mittwoch bis Montag. Sie wird begleitet von einem umfangreichen Vermittlungsprogramm. Jeweils am Sonntag um 15 Uhr gibt es Kuratorenführungen.

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