Biševo – Urlaub im Ökoparadies

9. September 2011

Bucht von Salbunara

Bucht von Salbunara auf Biševo

Was ist Dir im Leben wichtig? So fragt man, wenn schwierige Entscheidungen anstehen. An die grundlegenden Dinge im Leben wird man aber ab und zu auch durch eine ungewöhnliche Erfahrung erinnert. Ich hatte das große Glück, während einer Bildungsveranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung auf der kroatischen Insel Vis das benachbarte  Eiland Biševo kennen zu lernen. Weit draußen in der Adria vor der dalmatinischen Küste liegt dieses knapp sechs Quadratkilmometer große Kleinod, das für seine “Blaue Grotte” gerühmt wird. Dass darüber hinaus die versteckte Salbunara-Bucht auf der dem offenen Meer zugewandten Inselseite mit einem avantgardistisches Tourismusangebot aufwartet, hat aber noch kaum jemand entdeckt. Hier kann man hoch am Hang in fünf sogenannten Öko-Unterkünften (Eco-Shelters) ein CO2-befreites Leben ausprobieren. Und hautnah spüren, was für den Menschen wirklich wichtig ist.

Oceansuite mit Meeresblick

Wirklich wichtig ist Wasser. Täglich verbraucht man in Deutschland 122 Liter davon, wobei ca. 100 Liter rund ums Badezimmer (Dusche, Waschmaschine, Toilette) anfallen. Dem Gast dagegen, der in Bisevo den Stadtstress vergessen will, werden nur ganze fünf Liter am Tag zur Verfügung gestellt. Dies hat einen einfachen Grund. Auf der Insel selbst gibt es keine eigenen Quellen. Also holen die Erfinder der Öko-Häuschenidee, Ljiljana Božanić, ihr Mann Davor and Barba Luka, das Süßwasser mit einem kleinen Boot von der Nachbarinsel Vis. Außerdem wird Regen aufgefangen. Das ist alles sehr mühsam; deshalb muss das knappe Nass sparsam aufgeteilt werden.

Als ich für einen kurzen Nachmittag im August zusammen mit dem kroatischen Radiojournalisten Andro Tomovic und seiner Journalistenfreundin Iva Tatic die Salbuara-Bucht in Biševo besuchte, wurde ich von Lilijana und ihrem Mann auch als unangekündigter Gast großzügig mit leckeren kroatischen Speisen bewirtet. Verschwitzt wie ich war bei den Sommertemperaturen, antwortete ich auf die Frage, ob ich etwas trinken wolle, spontan und ohne Nachdenken mit “Ja, gerne, Wasser”. Mir wurde  schnell klar,  dass ich etwas Kostbares erbeten hatte. Wein wäre in größerer Menge (und hoher Qualität) vorhanden gewesen!

Freiluftbadezimmer

Wer hier als Tourist seinen Urlaub verbringt, braucht sich trotzdem keine Sorgen um die Körperhygiene zu machen. Als Biševo-Outdoor-Alternative zum modernen Badezimmerkomfort stehen improvisierte Gießkannenduschen mit Meeresblick und Toilettenhäuschen auf Kalkbasis bereit. Mit der benötigten Wassermenge muss man aber in jedem Fall haushalten – oder selbst zusätzliche Kanister vom Festland mitbringen und hochschleppen.  „Anfangs ist das ein bisschen schockierend, aber sehr bald entspringt daraus ein unerwartetes und noch nie dagewesenes Gefühl der Freiheit.“ sagt Ljiljana. Der achtsame Umgang mit dem Wasser hat Methode. Urlaub in Biševo heißt Beschränkung auf das Wesentliche – auf das, was wirklich wichtig ist. Es geht darum in einem tatsächlichen Einklang mit der Natur, auch der ganz persönlich eigenen, zu leben.

Müll einsammeln

Liljana und ihre Mitstreiter gehören zur Umweltorganisation “Mali zeleni Biševo” (Kleine grüne Menschen von Biševo“). Dass sie inzwischen gestressten Westeuropäern, US-Amerikanern und Australiern Aussteigerferien anbieten, war nicht ihr Hauptanliegen für die Arbeit auf Biševo. „Als wir die Insel zum ersten Mal besuchten, waren wir wie vor den Kopf gestoßen von zwei Extremen: Außerordentliche Naturschönheit und ein Überfluss natürlicher Ressourcen auf der einen Seite, und völlige Missachtung sowie Abfallberge auf der anderen. „Wir fanden z.B. eine Menge alter Kühlschränke und Waschmaschinen und ähnliche Geräte zwischen den Büschen der Insel“, erzählt Liljana.

16 t Teerreste zwischen den Kieseln

Aber das Schlimmste waren die Überreste eines Tankerunfalls, der vor mehr als 30 Jahren an der Küste von Biševo geschehen war. Das ausgelaufene Öl hatte sich mit Sand und Kieseln vermischt und zu 16 Tonnen Teermasse verfestigt. In mehreren großen Aufräumaktionen wurde der Teer mit Schaufeln und Spitzhacken zusammengesammelt. So sahen sich die örtlichen Autoritäten und die staatliche Umweltschutzorganisation gezwungen den Dreck abzutransportieren.

Seit 2006 arbeitet “Mali zeleni Biševo” an der Revitalisierung der Insel. Unter der Mitarbeit anderer NGOs und freiwilliger Helfer konnte der gesamte Zivilisationsschrott eingesammelt und entsorgt werden. Die interessantesten Metallstücke nutzten Künstler von der befreundeten Künsterlergruppe Karkatag, ergänzten sie durch mitgebrachte Teile von einem serbischen Autofriedhof  und entwarfen eine Schaukel, die gleichzeitig als winkende Hand vom Festland her die Seefahrer grüßt. Fast scheint sie zu sagen: „Sei gegrüßt Wanderer. Hier wird an einem kleinen Stück nachhaltiger Zukunft gebaut.“

Winkende Wipp-Hand aus eingesammeltem Schrott

Das Ziel von “Mali zeleni Biševo” ist es, die Insel auf ökologische Weise zu erneuern – eine einmalige Chance.  Trotz der atemberaubenden Schönheit gibt es hier, von Tagesausflüglern zur blauen Grotte und ein paar Skpippern abgesehen, keinen Tourismus und (noch?) keine gierigen Investoren. Weit entfernt sind die mittelmeertypischen Bettenburgen, die zugebauten Küsten, der „Ballermann“-Lärm. “Mali zeleni Biševo” arbeitet daran, dass das so bleibt.

Biševo wirkt heute wie ein kaum berührtes Paradies, weil in einem mühseligen Prozess die Spuren der Vergangenheit beseitigt wurden. Bis zum Ende Jugoslawiens war hier, wie auch im benachbarten Vis,  militärisches Sperrgebiet.  Während dessen und danach verkam das Eiland zur Müllkippe. Inzwischen leben hier wieder ein paar Leute, die Schätzungen schwanken zwischen elf und neunzehn während der Saison; im harten Winter sinkt die Zahl gegen Null. Vor dem zweiten Weltkrieg hingegen gab es bis zu 400 Einwohner, Weingärten, vier Läden, eine Schule, eine Bibliothek und ein gemeinsames Boot.  Die alte Infrastruktur ist jedoch verfallen; der Weg über die Insel wurde schwergängig.

Wege freilegen und aufräumen

Im Fall eines Feuers wäre kein Durchkommen für Löschfahrzeuge – eine im wahrsten Sinn des Wortes brandgefährliche Situation, die die örtlichen Behörden aber nie interessiert hat. Deshalb bemühte sich “Mali zeleni Biševo”, die überwucherten Trampelpfade von früher zu rekonstruieren. Mit Hilfe von Luftaufnahmen wurde die  Straße zwischen der Bucht von Salbunara und dem kleinen Hafenort Mezoporat auf der anderen Inselseite freigelegt.  Mezoporat ist der Ort, den die Ausflugsschiffe von Vis aus ansteuern, um Besucher zur “Blauen Grotte” zu bringen.  Die alte Hauptachse von  Biševo kann jetzt wieder benutzt werden;  eine bessere Anbindung an das Festland ist erreicht. Dies geschah alles in mühevoller kleinteiliger Handarbeit, die die Natur intakt lässt.

Gemüseanbau im alten Weinhang

Aber auch andere Rekultivierungsmaßnahmen finden statt. Liljana und ihre Männer haben einen ehemaligen Weinhang erworben, um als Grundbesitzer rechtmäßig auf der Insel handeln zu können. Im Alltag sieht das so aus, dass z.B. ökologisches Gemüse angebaut und das Wissen um biologisches Gärtnern weitergegeben wird. Finanziert wird die Aufbauarbeit unter anderem durch die Ökotouristen, die via Mund-zu-Mund-Propaganda vom Ferienangebot unter Bäumen gehört haben.

Öko-Hütte im Weinhang

Öko-Hütte im Weinhang

Die Öko-Unterkünfte selbst schmiegen sich in die geschützten Terrassen eines alten Weinhangs, sodass sie fast in ihm verschwinden. Ihr Korpus wurde mit vorhandenen Materialien aus der Umgebung zusammengezimmert. Manche der Unterkünfte bieten Platz für vier Personen, andere sind für Pärchen geeignet. Im Inneren herrscht karge Gemütlichkeit: Tisch und Stühle zum Sitzen und auf das Meer hinausschauen, Ablagefläche für die mitgebrachten Reisehabseligkeiten sowie ein Bett. Die richtig guten Markenmatratzen einer renommierten kroatischen Firma bieten sogar einen Hauch von Luxus. Außerdem gehört zu jeder Unterkunft ein kleines Windrad oder Solarpanel, damit man nachts eine Glühbirne einschalten kann. Auch der Wegrand zwischen den versteckten Hütten ist bei Dunkelheit beleuchtet. Statt Internet und Telefon jedoch hört man nur die Grillen zirpen und die Wellen rauschen.

solare Wegbeleuchtung

Ganz auf den üblichen Wohlstandkomfort, an den wir so gewöhnt sind, muss man aber nicht verzichten. Wenn man den Weg von den Unterkünften zur kleinen Ansiedlung Salbunara hinunterläuft, trifft man auf das Haupthaus, das Basislager von “Mali zeleni Biševo”. Es ist ein festes Steingebäude aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, das um einen alten Feuerplatz herum errichtet wurde und zehn Menschen Platz bietet. Gäste können die Küche mit allem Drum und Dran benutzen, sogar TV gibt es, Stereoanlage, Aircondition. Hier kann man Party feiern oder einfach nur selbst kochen. Aber natürlich gibt es auf der Insel auch einige Restaurants, z.B. in der benachbarten Bucht von Porat!

Man könnte die Ökounterkünfte von Biševo leicht unter der Überschrift „Robinson Crusoe“-Ferien abhaken. Oder sich an die Zeltcamps erinnert fühlen, wie man sie z.B. in afrikanischen Nationalparks findet. Wäre da nicht “Mali zeleni Biševo”. Als Tourist ist man nicht nur zahlender Gast dieser NGO, sondern auch Bestandteil ihrer Aufbautätigkeit. Im landschaftlich schönen, aber ökologisch sehr wenig entwickelten Kroatien mit seiner Wegwerfmentalität beteiligt man sich damit an einem Pionierwerk. Und das besteht nicht nur aus physischer Arbeit. Sondern auch darin, ein Bewusstsein zu schaffen für den nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen dieses Ortes.

Strand von Salbunara

 

Google-Maps- Koordinaten von Salbunara: 42.986410, 16.002313

P.S. Dank an Andro Tomovic, der sein Radio-Interview mit Liljana Božanić übersetzt und als Infomaterial für diesen Blogbeitrag zur Verfügung gestellt hat. Die Photos stammen von Jörg Haas und von  Mali zeleni Biševo.
Im Netz hingegen findet man nur karge Informationen über das ungewöhnliche Ökotourismus-Angebot: die Website http://www.bisevo.org und die Adresse:
Ljiljana Božanić, Mobil +385(0)91 95 85 944, email: info@bisevo.org;

 

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