Das Wunder von Dachau

6. Juli 2010

Dachau… ist kein Name einer Stadt wie jeder andere. “Where do you come from?” – diese Alltagsfloskel auf Reisen kann einen Dachauer ins Schwitzen bringen. Heute vielleicht nicht mehr so sehr wie vor 30 Jahren – dennoch hat der Name Dachau einen für viele Menschen irgendwie gruseligen Beigeschmack. Und John F. Kennedy hätte garantiert nicht gesagt: “Ich bin ein Dachauer”.
Aber genau dieses Bekenntnis wird mir als gebürtige Dachauerin ab jetzt nicht mehr schwer fallen. Denn in Dachau ist ein kleines, jedoch sehr wichtiges Klimaschutz-Wunder geschehen.

“Die Bürger der Stadt Dachau haben mit einem Bürgerentscheid erzwungen, dass sich die Dachauer Stadtwerke nicht am im Krefelder Chempark geplanten Kohlekraftwerk beteiligen dürfen.”

Aufruf zum Ausstieg

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Eine erzkonservative Stadt, die seit Kriegsende bis auf sechs Ausnahmejahre von der CSU regiert wird, die sich mit einem Wahlfälschungsskandal zugunsten der CSU 2002 unrühmliche Schlagzeilen erwarb, kurz eine Stadt, die viele Vorurteile bestätigt, die man sich im Ausland von Bayern macht: in dieser Stadt leistet eine Bürgerinitiative erfolgreich Widerstand.

Die größte Hürde der Aktion bestand darin, das Quorum zu schaffen: 6481 Dachauer stimmten für den Ausstieg, das sind 20,53% der Bevölkerung und damit 0,53% mehr als nötig waren. Insgesamt hatten 34,2% der Bürger ihre Stimme abgegeben (davon 62% pro; 38% contra) – eine niedrige Wahlbeteiligung, die allerdings im rechten Licht erscheint, wenn man bedenkt, mit welch knapper Quorumsmehrheit der amtierende Oberbürgermeister im Amt bestätigt wurde:
“Mehr Bürger für den Ausstieg aus der Kohle als für den OB.”

Auf dem Blog der Bürgerinitiative-kontra-Kohlestrom lässt sich auch nachlesen, dass es der Dachauer Bürgerinitiative nicht nur gelungen ist, die politisch desinteressierten Dachauer zum Wahlgang zu bewegen. Sie konnten sich mit ihrer Argumentation auch gegen das Märchen vom weiterhin günstigen Kohlestrom durchsetzen, das von Stadtwerken und Parteien verbreitet wurde.

Der überraschende Sieg der Bürgerinitiative in Dachau setzt nicht nur ein wichtiges Zeichen für die Anti-Kohlebewegung mit dringender Nachahmungsempfehlung. Er zeigt auch, dass eine neue Kultur am wachsen ist, die es ermöglicht, jahrzehntelang unangefochtenen Machtkonstellationen die Stirn zu bieten. Bravo, bravo, bravo Dachau!!!

Eine Reaktion zu “Das Wunder von Dachau”

  1. Lili Fuhram 7. Juli 2010 um 12:37 Uhr

    Wunderbar! Glückwunsch an die Dachauer. Vielleicht könnte sich Dachau als nächstes neben Klagenfurt und Fondi ein paar neue Partnerstädte zulegen, in denen das Kohlethema ebenso bedeutsam ist und sich dann mit denen austauschen, wie man Kohlekraftwerke wirkungsvoll verhindert. Anderswo sieht es nämlich nicht so rosig aus, so z.B. im WM-Land Südafrika, siehe hier: http://klima-der-gerechtigkeit.de/2010/06/08/bluhende-kohlelandschaften-in-sudafrika/

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