Monatsarchiv für September 2010

Desertec statt Laufzeitverlängerung ?!

26. September 2010

Am 16. Juni 2009, also jenem Tag, als die Süddeutsche Zeitung die überraschende Meldung vom Wüstenstromprojekt “Desertec” in der medialen Welt verbreitete, schrieb ich untenstehenden Blogeintrag, ohne ihn zu veröffentlichen. Nachrichten von gestern aus einer anderen Zukunft, die wir in den nächsten Jahren erst wieder einholen müssen – entweder, in dem die AKW-Laufzeitverlängerungen doch noch verfassungsgerichtlich verhindert oder sehr schnell wieder rückgängig gemacht werden.

Blogeintrag vom 16.Juni 2009
Die Meldung in der SZ war eine kleine Sensation: „Deutsche Konzerne planen in Afrika riesige Öko-Kraftwerke“. Schon seit Jahren existiert das Projekt vom Strom aus der Wüste, das nebenbei auch noch Meerwasserentsalzung und Wirtschaftsaufschwung im MENA-Gürtel möglich macht. Es hatte den Status einer schillerenden Öko-Utopie aus dem Club-of-Rome-Umfeld. Aber im Lauf dieses Jahres mehrten sich die Anzeichen, das aus der „spinnerten Idee“ Ernst werden könnte. Erst im letzten Monat veröffentlichte Greenpeace eine Studie, die die finanzielle und technische Machbarkeit gut nachlesbar demonstrierte. Dies rief prompt eine reservierte TAZ auf den Plan, die im Rückgriff auf alte Animositäten Hermann Scheer zitierte: „reine Zukunftsmusik“. 34 (!) überwiegend positive Leserkommentare zu diesem Artikel machten aber doch ein Hoffnungspotential auf einen Hebel spürbar, der die gegenwärtige Energiedebatte neu auslenken könnte.

Und jetzt der heutige Knaller. Drei Jahre lang wollen Konzerne wie Siemens, RWE und die Deutsche Bank untersuchen, ob es sich lohnt 400 Milliarden auszugeben für ein Großprojekt, das 15% des europäischen Strombedarfs decken könnte. Brisant daran ist mehrerlei. Sollten Großunternehmen zu einem positiven Ergebnis kommen, dann erübrigt sich die Debatte um Atomkraft. Denn Investitionen in eine ständig den Kosten- und Planungshorizont sprengende Technologie mit unübersehbaren (Folge-)Risiken wären nicht einzusehen, wenn eine Alternativtechnologie ohne all diese Risiken zu haben wäre.
Im Gegensatz zum Strom aus Solarzellen ermöglicht der Strom aus Sonnenkollektoren nämlich die Bereitstellung der sogenannten Grundlast – also jenes Stromangebot, das als Minimum immer zur Verfügung gestellt werden muss. Das heißt, dass die auf fossile Technologie geeichten Energieriesen wie RWE sich auf einen neuen Pfad machen würden: den solaren. Das heißt natürlich auch, dass dieser Pfad plötzlich nicht mehr beschränkt wäre auf politisch korrekte dezentrale Stromszenarien.

Spannend an der Geschichte finde ich, dass die heutige Meldung federführend von der Rückversicherungsgesellschaft Münchner Rück lanciert wurde. Aus einer übergeordneten Risikobewertungs-Perspektive erscheint es ökonomisch sinnvoll, sich für eine Technologie zu öffnen, die vor allem eines verspricht: keine unabsehbaren Folgeschäden. Damit verkörpert die Münchner Rück eine neue Rationale des wirtschaftlichen Handelns: die Logik des Klimawandels ist hier tatsächlich angekommen. Im Resultat wird es Neupositionierungen geben: auf der Ebene von Geschäftsmodellen, aber natürlich auch auf der Ebene von Einstellungen. Denn natürlich war die Utopie vom Sonnenstrom eigentlich eine, die Unabhängigkeit von den herrschenden Machtkartellen versprach. Nur: wenn das Zeitfenster der Handlungsmöglichkeiten im Kampf gegen den Klimawandel so knapp ist, wie die Wissenschaft deutlich macht, bedarf es schneller Lösungen. Die werden sich ohne die etablierte Energiewirtschaft nicht durchsetzen lassen.

Mit dem Wüstenstromprojekt hätten die großen Stromversorger ein passendes Spielzeug, das ihnen den Einstieg in eine neue Epoche und ein neues mentales Modell ermöglicht. Eine Transformation könnte damit eingeleitet werden – ohne dass man gleichzeitig auf dezentrale Optionen verzichtet. Denn um tatsächlich bis 2050 den Umstieg auf 100% CO2-freie Stromproduktion zu schaffen, müssen alle Möglichkeiten zum Einsatz kommen.
In der Kombination mit dezentral und lokal erzeugter Energie scheint mir aber ein Wüstenstromprojekt allenthalben attraktiver als Großanlagen zur Abscheidung und Speicherung (CCS) von CO2, die ja auch in der Diskussion sind. Das CCS-Gesetz, das auf Betreiben von Vatttenfall etc. ohne jede gesellschaftliche Diskussion durchgepeitscht werden sollte, wurde ebenfalls heute erstmal gekippt. D.h. die zukünftige Stromversorgung Deutschlands und Europas kann ab jetzt neu ausgehandelt werden.